Digitalisierung im Gesundheitswesen


Achim Bierbaum über Herausforderungen an eine moderne Therapiepraxis


Wie kamen Sie zum Therapieberuf?

Eine Operation am Handgelenk liess in mir vor über 20 Jahren den Wunsch wachsen, Physiotherapie zu studieren. Nach der Ausbildung in den Niederlanden arbeitete ich in verschiedenen Praxen in der Schweiz als Physiotherapeut. In dieser Zeit begann ich mich für die Sportphysiotherapie zu interessieren und wendete mich dem Leistungssport zu. Dabei machte ich wertvolle Erfahrungen als persönlicher Sportphysiotherapeut des Mittelstreckenläufers Andre Bucher, war offizieller Therapeut des Diamond League Meetings Weltklasse Zürich und leitete einige Jahre die medizinische Abteilung des Fussballclubs Grasshopper Club Zürich.

Es ist meine feste Überzeugung, dass körperliches Wohlbefinden über einen ganzheitlichen Ansatz erreicht wird. Diese Grundhaltung führte mich zur Komplementärmedizin. Parallel zu meinen sportphysiotherapeutischen Tätigkeiten absolvierte ich eine Ausbildung in Osteopathie und liess mich später an der Höheren Fachhochschule für Naturheilkunde zum Naturheilpraktiker ausbilden. 2011 eröffnete ich dann meine eigene komplementärmedizinische Praxis, wo ich Manuelle Therapie mit Personal Training kombiniere.

 

Sie verfügen über 20 Jahre Erfahrung als Therapeut. Wie hat sich das Berufsbild in dieser Zeit verändert?

Wenn ich auf mein Berufsleben zurückblicke stelle ich fest, dass verschiedene Entwicklungen angestossen wurden. Auf berufspolitischer Ebene ist sicher der Verfassungsartikel Zukunft mit Komplementärmedizin, ein Gegenentwurf zu einer zurückgezogenen Volksinitiative, als Meilenstein zu werten. Damals stimmten 67% der Urnengänger dem Verfassungsartikel zu und befürworteten die Schaffung von nationalen Diplomen – und somit die eidgenössische Anerkennung – für nichtärztliche Therapeutinnen und Therapeuten.

Gesundheitspolitisch betrachtet stellt die Einführung neuer Tarifsysteme, und damit verbunden die Standardisierung der Leistungserfassung und Rechnungsstellung, für uns Therapeuten eine Herausforderung dar. Die Komplementärmedizin zum Beispiel rechnet ihre Leistungen seit 2018 nach dem neu eingeführten Tarif 590 ab. Die Ergotherapie erhält per 1. März 2019 einen neuen Tarif MTK. Dies führte dazu, dass Basis- und Unfallversorgung über zwei unterschiedliche Tarifsysteme abgewickelt werden. Gleiches kennt die Physiotherapie schon seit vielen Jahren.


Die Digitalisierung im Gesundheitswesen und damit auch in der Para- und Komplementärmedizin, ist in aller Munde. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen?

Die zunehmende Regulierungsdichte hat Auswirkungen auf meine Praxisadministration. Während ich am Anfang meiner Berufslaufbahn noch Karteikarten verwendete, nutze ich heute eine Softwarelösung, die mir die administrative Arbeit erleichtert. Eine grosse Herausforderung sehe ich in der zunehmenden Berichterstattung, welche von den Versicherungen verlangt, jedoch nicht adäquat vergütet wird.

Aber auch dem Datenschutz kommt eine immer wichtigere Bedeutung zu. Ob Gross- oder Kleinpraxis, es liegt in der Eigenverantwortung jedes einzelnen, die vertraulichen und z.T. sensiblen Daten seiner Patienten zu schützen. Den diesbezüglichen Anforderungen gerecht zu werden ist nicht einfach. Meine Kernkompetenz als Therapeut liegt in der Behandlung des Menschen. Daher muss ich aufpassen, bei Themen wie Praxisadministration, Berichterstattung und Schutz der Patientendaten den Anschluss nicht zu verlieren.


Wie kann sich eine kleinere oder mittlere Therapiepraxis dem Digitalisierungstrend stellen?

Bereits als angestellter Physiotherapeut haben wir einfache Softwarelösungen für die Leistungsabrechnung eingesetzt. Zu dieser Zeit gab es nur wenige Anbieter auf dem Markt. Obwohl die genutzten Lösungen unsere Praxisadministration vereinfachten, würden sie heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen: die Systeme waren wartungsintensiv, konnten nur von einem Arbeitsplatz aus bedient werden und die Funktionalität war beschränkt. Im Zuge meiner Selbstständigkeit habe ich mich eingehend mit diversen Lösungen auseinandergesetzt und festgestellt: für die Software-Beschaffung gibt es kein Patentrezept! Ich habe darauf geachtet, dass individuelle Arbeitsprozesse in der Praxissoftware abgebildet werden können. Das hat meine tägliche administrative Arbeit erheblich erleichtert. Zudem habe ich auch darauf geachtet, dass das Preis-Leistung-Verhältnis stimmt.


Was zeichnet eine «gute» Praxissoftware aus?

Zuerst sollte man sich von der Vorstellung verabschieden, die perfekte Praxissoftware finden zu wollen. Jedes System hat seine Vor- und Nachteile. Bei der Software-Evaluation stand bei mir ein ausgewogenes Gesamt-Package im Vordergrund. Wichtig waren mir die Übersichtlichkeit und die Bedienerfreundlichkeit der Lösung. Bei den funktionalen Anforderungen achtete ich auf eine einfache Rechnungsstellung mit Sammeldruckfunktion, eine Agenda mit Terminkartendruck und SMS-Benachrichtigungsdienst sowie Funktionen für die Berichterstattung und die Debitorenkontrolle. Zusätzlich führten bei mir weiche Faktoren, wie die Datensicherheit und die Möglichkeit von überall auf das System zugreifen zu können – ich bin Mac und Windows-Nutzer und erledige meine Administration oft von Zuhause aus – zum Kaufentscheid.


Wovor muss man sich bei einem Kaufentscheid in Acht nehmen?

Man sollte sich genug Zeit für eine umfassende Evaluation der Software aber auch des Software-Anbieters nehmen. Das ist insofern wichtig, da ein Anbieterwechsel in der Regel mit einem zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden ist. Ein Software-Anbieter sollte sicherstellen, dass die Praxissoftware ausgiebig getestet werden kann. Er soll den Testnutzer schulen, ist bei Unklarheiten telefonisch erreichbar und geht auf die jeweiligen individuellen Bedürfnisse ein. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die künftige Ausbaufähigkeit und Weiterentwicklung des Systems. Denn die Digitalisierung im Gesundheitswesen schreitet rasch voran und niemand möchte auf einer Praxissoftware sitzen, die den veränderten regulatorischen Anforderungen nicht mehr genügt.